Väter kön­nen alles, außer Stil­len

Die Eltern­zeit aus männ­li­cher Per­spek­ti­ve

Inter­view mit Papa­blog­ger Rüdi­ger Drei­er

Rüdi­ger Drei­er (44) lebt mit sei­ner Fami­lie in Müns­ter. Er ist zwei­fa­cher Mädels-Papa (*2013, *2016) in Eltern­zeit (16 Mona­te). Seit eini­gen Jah­ren arbei­tet der gelern­te Indus­trie­me­cha­ni­ker und Dipl.-Sozialpädagoge als Fami­li­en­the­ra­peut und Media­tor in einer Erzie­hungs­be­ra­tungs­stel­le. Auf sei­nem Blog mannpluskindgleichvater.de berich­tet Rüdi­ger von sei­nen Ein­drü­cken und Erfah­run­gen als Vater. Wir haben uns mit ihm unter­hal­ten und nach­ge­fragt, ob es einen moder­nen Vater braucht um in Eltern­zeit zuge­hen und wie es ihm allei­ne mit den Kin­dern ergeht.

Ein Mann in Eltern­zeit

Trotz weit­ge­hen­der Gleich­be­rech­ti­gung zwi­schen Män­nern und Frau­en ist es in der heu­ti­gen Zeit noch immer nicht selbst­ver­ständ­lich, dass ein Vater Eltern­zeit nimmt. Hältst Du Dich für beson­ders “modern”?

Eigent­lich habe ich ein Pro­blem mit dem Begriff „moder­ner Vater“. Wenn es moder­ne Väter gibt, sind alle ande­ren Papas dann alt­mo­disch? Für mich ist der Begriff „Herz­blut­pa­pa“ inzwi­schen deut­lich pas­sen­der. Ich will mei­ne Kin­der mit ganz viel Herz aktiv im All­tag beglei­ten und die schö­nen aber auch die anstren­gen­den Sei­ten in der Kin­der­er­zie­hung erle­ben. Ich bin der Mei­nung, wir Väter kön­nen alles, außer stil­len. Und dem­entspre­chend mache ich alles, nur das Stil­len habe ich nicht ein­mal ver­sucht 😉

Scha­de eigent­lich 😉 Was genau hat Dich denn dazu bewegt Eltern­zeit zu neh­men?

Mei­ne Frau und ich haben früh über unse­re Vor­stel­lun­gen und Wün­sche bezüg­lich mög­li­cher Kin­der gespro­chen. Für mich war immer klar, ich wer­de einen gleich­be­rech­tig­ten Part in der Beglei­tung und Erzie­hung unse­rer Kin­der über­neh­men, wenn wir Glück haben und Eltern wer­den. Es hat geklappt und so habe ich schon beim Lie­ben Tiger sechs Mona­te Eltern­zeit genom­men.

Bil­der © mann­plus­kind­gleich­va­ter

Klas­si­sche Rol­len­bil­der

Wel­che Rol­le spiel­te Dein Vater in Dei­ner eige­nen Kind­heit? Hat er Dei­ne Vor­stel­lung, wie ein Vater zu sein hat, wesent­lich geprägt?

Ich habe und hat­te schon vor 40 Jah­ren das gro­ße Glück, einen – aus heu­ti­ger Sicht – akti­ven Vater zu erle­ben. Mein Vater hat­te Schicht­dienst und war ent­we­der mor­gens oder nach­mit­tags für mei­nen Bru­der und mich prä­sent und immer ansprech­bar.

Der klei­ne Unter­schied ist ledig­lich, dass er sich um uns geküm­mert hat, wäh­rend mei­ne Mut­ter den Groß­teil der klas­si­schen Haus­ar­beit über­nahm. Wohin­ge­gen mei­ne Frau und ich die Care­ar­beit, sprich Haus­halt und Kin­der­er­zie­hung, part­ner­schaft­lich auf­tei­len.

Care­ar­beit

Wie genau sieht die­se Care­ar­beit denn im All­tag aus?

07:00 Wenn alles gut geht schla­fen wir bis sie­ben. Mal sehen die Kin­der ihre Mama noch, manch­mal aber nicht, dann muss ich sie trös­ten. Dann lie­gen wir im Bett, lesen Kin­der­bü­cher oder spie­len Ver­ste­cken.

07:30 Mei­ne Jüngs­te bekommt eine neue Win­del und wir zie­hen uns alle an. Anschlie­ßend wird eine kur­ze Run­de im Kin­der­zim­mer gespielt, bevor wir Früh­stü­cken und noch etwas die Zeit ver­trö­deln.

08:30 Ich schre­cke hoch und wer­de zum Feld­we­bel, da die Gro­ße bis 9 in der Kita sein muss. Bevor es los­geht wer­den aber Müt­zen und Jacken gesucht und das Trans­port­mit­tel (Lauf­rad, Fahr­rad…) ver­han­delt.

08:55 Mei­ne Jüngs­te und ich düsen von der Kita nach Hau­se. 2x die Woche gehen wir jog­gen, 2x ein­kau­fen und mitt­wochs ist „Papa­zeit“, ein Vater­treff für Väter mit Kin­dern zwi­schen 0–3 Jah­ren.

12:00 Mit­tag­essen mit Lila Stern­chen, die wenn es super läuft anschlie­ßend 1–3 Stun­den schläft. In der Zeit räu­me ich auf, put­ze, sur­fe im Netz, blog­ge, oder gehe 2x die Woche aufs Home-Renn­rad.

14:30 Die Klei­ne wird aus dem Bett geholt und wir spie­len, bevor wir ihre Schwes­ter aus der Kita holen. Bei gutem Wet­ter geht’s auf den Spiel­platz, in den Gar­ten oder Radeln, bei schlech­tem nach Hau­se.

18:00 Mei­ne Frau kommt von der Arbeit und wir gestal­ten das gemein­sa­me Abend­essen, das für uns als Fami­lie eine ganz wich­ti­ge Zeit dar­stellt.

18:50 Die Gro­ße darf den Sand­mann anschau­en, wäh­rend ein Eltern­teil die Klei­ne ins Bett bringt. Danach ist es auch Zeit für die Gro­ße und für uns sind Auf­räu­men und Sofa ange­sagt. Ganz sel­ten auch mal Kino mit Freun­den oder eine Datenight, aber die kann ich an einer Hand abzäh­len.

Selbst­zwei­fel

Das ist weit mehr als nur ein biss­chen Ball spie­len und gele­gent­lich eine Win­del wech­seln. Warst Du denn von Anfang an über­zeugt, die­se Auf­ga­ben zu meis­tern oder hat­test Du auch Zwei­fel?

Ich glau­be, ich hat­te die glei­chen Unsi­cher­hei­ten, die Müt­ter vor der Geburt spü­ren. War­um soll­te es auch anders sein? Mit Kin­dern hat­te ich immer schon zu tun und Mamas müs­sen das Wickeln genau­so ler­nen wie Papas. Es ist ja nicht so, dass Müt­ter das Wickeln ver­erbt bekom­men. Mei­ne Unsi­cher­hei­ten betra­fen nicht die Ver­sor­gung oder Erzie­hung, viel­mehr hat­te ich Gedan­ken wie: „Was ist, wenn ich das Kind nicht in mein Herz schlie­ße?“ oder „Hof­fent­lich fällt mir die Decke nicht auf den Kopf.“

Vor- und Nach­tei­le der eltern­zeit

Nun liebst Du Dei­ne Töch­ter von Her­zen und auch der Him­mel ist Dir noch nicht auf den Kopf gefal­len. Kannst Du nun ein ers­tes Resu­mee über die Vor- und Nach­tei­le der Eltern­zeit zie­hen?

Vor­tei­le:

  • Mei­ne Zeit mit den Kin­dern stärkt das Band zwi­schen uns. Durch die­se fes­te Bin­dung kann ich (auch) den emo­tio­na­len Teil der Ver­sor­gung und Erzie­hung mei­ner Kin­der über­neh­men.
  • Durch unse­re part­ner­schaft­li­che Auf­tei­lung der Eltern­zeit ken­nen mei­ne Frau und ich bei­de Rol­len: die beruf­li­che und die fami­liä­re Rol­le. So haben wir mehr Ver­ständ­nis für die Situa­ti­on des ande­ren.
  • Ein­fach Zeit haben für die Kin­der. Trotz vie­len Ter­mi­nen und Ver­pflich­tun­gen (Kita, Arzt­be­su­che, Haus­ar­beit, …) ist die Zeit ent­schleu­nigt, so kann ich auch mal stun­den­lang Duplo spie­len oder auf den Spiel­platz gehen, ohne dass ich im Kopf Stress bekom­me.

Nach­tei­le:

  • Auch wenn es Eltern­geld gibt, so ist es schon ein deut­li­cher finan­zi­el­ler Ein­schnitt.

Mir fal­len kei­ne wei­te­ren Nach­tei­le ein. Bei der ers­ten Eltern­zeit hät­te ich noch ein Gefühl der Ein­sam­keit tags­über genannt, da es kaum ande­re Väter gab, mit denen ich mich aus­tau­schen konn­te. Aber jetzt tref­fe ich bei der zwei­ten Eltern­zeit so vie­le ande­re Väter, dass ich mich nicht mehr „allei­ne“ oder „iso­liert“ füh­le.

Gesell­schaft

Neben den Gedan­ken, die man sich selbst machst, spielt ja auch immer das per­sön­li­che Umfeld eine wich­ti­ge Rol­le. Wie reagie­ren Dei­ne Mit­men­schen auf Dei­ne Rol­le als “Haus­mann”?

Mein per­sön­li­ches Umfeld reagiert durch­weg posi­tiv. Ich bin auch nicht der ein­zi­ge Vater, der Eltern­zeit nimmt. Es kommt aber schon mal vor, dass die ein oder ande­re Bekann­te grinst und sagt „Du armer, armer Mann“, wenn ich stöh­ne und sage „mein Gott immer die­se Wäsche­ber­ge“. Aber sie hat ja auch recht, schließ­lich liegt die Wäsche nicht nur bei mir im Korb 😉

Anstren­gen­der fin­de ich die gesell­schaft­li­che Wahr­neh­mung bzw. die Reak­tio­nen der Mit­men­schen. Mein Lieb­lings­bei­spiel ereig­ne­te sich, als mei­ne Frau und ich mit der Gro­ßen beim Kin­der­not­dienst waren. Da frag­te der grau­haa­ri­ge Arzt „Wie schwer ist denn ihre Toch­ter?“ Ich: „12,8kg.“ Mei­ne Frau: „Ich weiß es nicht genau.“ Dar­auf der Arzt: „Dann wie­gen wir mal lie­ber. Ach, 13kg, gut das wir gewo­gen haben.“

Das war wahr­schein­lich nicht das ers­te Mal und wird auch nicht das letz­te Mal blei­ben. Wie reagierst Du in sol­chen Situa­tio­nen?

Ich bin ein super Vater, ich bin ein stol­zer Vater! Und ja, ich mache es anders als die Mama und ja, mei­ne Prä­senz als Papa unter­stützt die posi­ti­ve Ent­wick­lung mei­nes Kin­des. Wenn ich die­se Din­ge im Kopf habe, ist mir total egal, was die Gesell­schaft heu­te lei­der zum Teil noch immer über Voll­zeit­vä­ter denkt und redet.

Emp­feh­lung

Was rätst Du einem wer­den­den Vater, der sich über­legt es Dir gleich zu tun?

Auf jeden Fall Eltern­zeit zu neh­men! Natür­lich hängt die Ent­schei­dung mit vie­len Ein­flüs­sen zusam­men, der Part­ne­rin, dem Arbeit­ge­ber, dem Geld­beu­tel, dem eige­nen Zutrau­en… aber ich wür­de allen Papas raten, mehr als die soge­nann­ten „zwei Väter­mo­na­te“ zu neh­men.

Ich kann nur sagen, es war und ist eine so wun­der­ba­re Zeit und die enge und inten­si­ve Bezie­hung der ers­ten Mona­te trägt durch das gesam­te Leben. Klar kom­men auch ande­re schö­ne Zei­ten, aber sein Kind in den ers­ten Mona­ten per­sön­lich zu beglei­ten, mit all den klei­nen und gro­ßen Ent­wick­lungs­schrit­ten, das gibt es nur in den ers­ten zwei, drei Jah­ren.

Und was ist mit den Müt­tern?

Gemein­sa­me Eltern­zeit mit der Part­ne­rin ist schön, das rich­ti­ge Leben kann Papa aber nur erle­ben, wenn er für die Kin­der allei­ne ver­ant­wort­lich ist. Alles ande­re ist aus mei­ner Sicht Eltern­zeit light.

Aus Gesprä­chen mit ande­ren Vätern weiß ich, nicht jede Part­ne­rin sagt fröh­lich: „Wun­der­bar Schatz, lass uns die Eltern­zeit part­ner­schaft­lich auf­tei­len“ — Stich­wort Gate­kee­ping. Daher soll­ten Män­ner nicht gleich klein bei­geben, wenn die Part­ne­rin ande­rer Mei­nung ist. Ein lan­ger Atem lohnt sich — für die Kin­der und für den Papa — ver­spro­chen!

Aber egal wie lan­ge, ob allei­ne oder mit Part­ne­rin, unter­wegs oder Zuhau­se… Nehmt Eltern­zeit und genießt die Zeit mit euren Kin­dern. Seit dabei, wenn Euer Sohn sich zum ers­ten Mal dreht, den ers­ten Brei isst, Eure Toch­ter zum ers­ten Mal lächelt, Papa sagt oder die ers­ten wack­li­gen Schrit­te in eure Arme geht.